Berliner Morgenpost 07.05.98
Leder ist für Weichlinge
Turbonegro bringen den Glam-Rock zurück Von Henning Richter
Village People waren in den hedonistischen siebziger Jahren der erste Pop-Act, der sich offen homosexuell gab. Die Disco-Helden schlüpften in Rollen wie die des Ledermannes, des Bauarbeiters oder des Cowboys, Rollen also, die in der Schwulenszene gern gewählt werden. Seither haben sich auch Popmusiker wie Boy George, die Pet Shop Boys, Elton John oder zuletzt George Michael zu ihrer homosexuellen Neigung bekannt. Im Rock'n'Roll scheint das Coming Out dagegen weit schwierigerer zu sein. Erst einen Tag vor seinem Tod gab Queen-Sänger Freddie Mercury beispielsweise bekannt, dass er homosexuell war. Umso bemerkenswerter ist eine Band wie Turbonegro, deren Sänger Henk van Helvete offen bekennt: "Alle sechs Mitglieder sind schwul. Aber wir machen kein großes Geschrei darum. Wieso sollten wir: alle sind schwul!" Gegründet Ende der Achtziger lavierte die Band aus der norwegischen Hauptstadt Oslo lange zwischen den Stilen: "Damals waren wir Punk, Industrial und Grunge. Wir versuchten, in der Szene zu bleiben. Heute sind wir Poser, die zugeben, daß sie .Smoke On The Water' mögen. Außerdem stehen wir auf Alice Cooper, David Bowie und Gary Glitter, es ist ja plötzlich okay, das zu sagen." Das aktuelle Album des provokativen Sechsers, "Apocalypse Dudes", ist tatsächlich der pure Glam Rock mit packenden Refrains und derben Texten. "Die Scheibe ist die Antwort auf die kulturelle Krise am Ende des Jahrtausends. Es gab zu viele Experimente in der letzten Zeit, und Berlin mit seinem Kreuzberger Chaos war mit Schuld daran. Es gab zu viel Crossover, es wurde zuviel gemischt. Die Musik verlor an Morgenpost 7.5.98 Biß, an Schärfe, sie wurde uniform. Wir stiegen aus den Uniformen in unsere Kostüme", sagt der nie um herausfordernde Statements verlegene Frontmann. Besonders für Jeans haben die Männer um Henk van Helvete eine Vorliebe: "Jeans sind die einzig echten Rock'n'Roll-Klamotten, Leder ist für Weichlinge." Zum Vergleich zu der vorletzten Platte, "Ass Cobra", gelang Turbonegro mit ihrem letzten Album eine deutliche musikalische Steigerung, meinen manche. "Das liegt an den neuen Mitgliedern", erklärt van Helvete: "Mit Euro-Boy haben wir ein Genie an der Gitarre. Er trägt einen Cowboy-Hut, ist sehr jung und talentiert. Ferner haben wir mit Chris Summers einen der weitbesten Trommler. Rock'n'Roll ist wieder zurück an seinem Kern und Punk ist ein Teil der Rock'n'Roll-Geschichte. Wer sagt, daß man Punk in schlechter Qualität spielen muß? Wir investierten viel Zeit und Geld in eine gute Produktion. Ich habe 25 Kilo während der Aufnahmezeit verloren, weil ich kaum geschlafen und gegessen habe." Mit schrillen Kostümen und Make-Up bieten Turbonegro auf der Bühne eine Menge für's Auge. Als Höhepunkt der Show steckt sich Henk eine Wunderkerze in den Allerwertesten. "Vielleicht sollten wir uns langsam etwas neues ausdenken, aber das Raketen-Ding ist unser Markenzeichen geworden, die Fans erwarten es von uns." Lange Jahre schien es so, als ob die schwule Szene vor allem auf Techno und Trance steht. Doch Henk hat gegenteilige Erfahrungen gemacht: "Als wir das letzte Mal in Berlin spielten, kam die gesamte Gay-Techno-Elite zu unserer Show. Sie vermissen gutes R'n'-Kabarett! Wir geben ihnen, was sie vor fünf Jahren im Techno hatten: Männer mit Make-Up, Arbeitsklamotten und einen harten Beat. Dieses Jahr werden die Techno-Weichlinge ihr Coming-Out als harte Rocker haben!" übrigens, die Geschichte mit Village People nahm am Ende eine bizarre Wendung: es stellte sich heraus, daß von den sechs Mitgliedern lediglich einer homosexuell war. Die fünf anderen Sänger waren heterosexuell, zum Teil Familienväter, die um der Arbeitslosigkeit zu entgehen, als Gays posierten. ähnliche Gerüchte dringen jetzt auch aus Oslo, angeblich hätten sämtliche der sechs Mitglieder von Turbonegro eine Freundin... Sonnabend, 9. 5., Tacheles, 21

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